KandidatenKuriositätenKabinett
Super lustig. Die Liste der bisherigen Kandidaten für den im April zu wählenden Bundesvorstand der Piratenpartei erscheint als politisches Kuriositätenkabinett, ja fast wie ein komplettes Lineup der ersten zwei Wochen von DSDS oder ner Neuauflage einer Gong-Show, diesmal mit Möchtegernpolitikern. Neben den wieder antretenden Amtsinhabern und zwei Kandidaten, die schon “weiter unten” in nem Amt stecken, versammelt sich bisher ein buntes Potpourri aus Kandidaten wo man sich selber zurufen möchte: “Sagt denen denn keiner, was das für ein Unsinn ist?”. Stattdessen johlt meine Twittertimeline über sie.
Ich will jetzt nicht über die einzelnen “Kandidaten” herziehen, hoffe nur, das der BPT schlau genug ist, ihnen nicht mehr als ein “Next!” zu gönnen. Jetzt gibts jede Menge schlauer und kluger Piraten, die den Job eigentlich machen könnten. Der Holler und der Klinkhart in Hamburg, die Schramm in Berlin, der Siggel aus, öhm, NDS?, der Bahrenhoff aus NRW, der Eisvogel in Bayern und viele viele mehr, die man (Guttenbergpassiv intended) liebend gern im BuVo sehen würde. Aber alle winken dankend ab. “Ne, lass mal”. “Ich bin doch nicht bekloppt”, das sind noch die zitierfähigsten Reaktionen.
Nun, warum ist das so? Amerikanische Forscher haben herausgefunden, das den klarblickenden Piraten bewußt ist, wie sehr die Gestaltungsmacht eines Vorstandes überschätzt wird. Und ihnen ist auch klar, das der Aufwand-Ergebnis-Shitstorm-Dreisatz nur unbefriedigend lösbar ist und man für viel Arbeit und wenig Ergebnis (hinter “Servicegruppen” und “Neue Webseite bspw. steht nen Haufen Arbeit, aber am Ende sieht das für nen Jahr irgendwie trotzdem mager aus) jeden Tag zweimal von irgendwelchen sozialinkompetenten Kellerkindern, denen das Heiseforum nicht mehr 133t genug ist, verbal in die Fresse bekommt, während von der schweigenden Masse die notwendige laute Unterstützung fehlt.
An jeder Ecke hört man, das man eigentlich komplett wahnsinnig sein muss um den Vorstandsjob zu machen, da das eigentlich eine ehrenamtliche Vollzeitstelle mit 40-80h/Woche sei. Da gehen Leute extra wg. der Partei in Teilzeit (und schaffen es trotzdem nicht auf die Berlinale) und andere sitzen nach nem “Feierabend 1″ um 21:15 noch bis nach Mitternacht bis zum “Feierabend 2″. Die sieben Wackeren haben also den Arsch voll mit To-Do’s und egal was ich von einigen Entscheidungen und Verhaltensweisen persönlich halte: Das verdient Respekt. Großen. Also, so richtig dicken fetten.
Die Piratenpartei ist, so heißt an jeder passenden und viel öfter noch an jeder unpassenden Stelle, eine “basisdemokratische Mitmachpartei”. Basis. Mitmachen. Kennste? Eine Mitmachpartei mit fucking 21.000 Mitgliedern, bei der für den Bundesvorstand bisher nur zwei Neue und sonst nur ein Reigen aussichtsloser Komödianten antreten. Für den Schatzmeister gar ausschließlich der Inhaber und für den Generalsekretär nur einer. Liebe Piraten: Eure unwidersprochene Erwartungshaltung, das ein Bundesvorstandsmitglied den ganzen Scheiß neben seinem Berufs- und Privatleben unbezahlt, ehrenamtlich und trotzdem in Vollzeit hinbekommen soll oder gar muss:
Es ist eine Frechheit von Euch so etwas zu erwarten. Es ist unverschämt, Kandidaten zu fragen “Schaffst Du das denn zeitlich”, statt zu sagen: “Wie kann ich Dich unterstützen?”. Ja, Vorstandsarbeit ist wie eine Schachtel Pralinen, aber der Vorstand einer 21.000-Leute-Partei hat, verdammt noch eins, nicht die Aufgabe Mitgliedsanträge abzuheften, Spendenquittungen auszustellen oder über Standheizungen in nem häßlichen Wohnwagen zu befinden. Er hat Steuerungs- und Koordinierungsaufwand (Schatzmeister, GenSek, Beisitzer) und Präsentationskram nach außen und innen (Chef, Stellvertreter, polGF) zu leisten und sich nicht mit Mikromanagement zu befassen.
Alles andere hat in dieser Partei, die neben der Transparenzkeule bei sich jeder bietenden Gelegenheit die Basisdemokratie-Mitmachpartei-Nunchucks rumwirbelt, gefälligst von Beauftragten oder Angestellten erledigt zu werden. Es wird ja wohl bei 21.000 Mitgliedern möglich und zu verlangen sein, das diese ominöse Basis auch tatsächlich mitmacht und damit nicht nur meint, das man auf Mailinglisten rumgeifern darf. Und entweder für notwendige Aufgaben finden sich Mitglieder aus der Basis, die mitmachen und auch ohne Amt Verantwortung übernehmen oder die Leistung wird eingekauft. Hat man das Geld nicht und findet sich keiner bleibt die Aufgabe eben liegen. Punkt.
Also Leute: Hört auf über dieses politische Gruselkabinett namens Kandidatenliste herzuziehen. Kandidiert selber oder sucht Euch einen dem ihr den Kram zutraut und gebt ihm Euer Schwert, Euren Bogen und Eure Axt, damit er oder sie kandidieren und ein prima Team von mitmachenden Basispiraten hinter sich wissen kann, falls er/sie dann sagen muss “Die wählen mich ja wirklich”.
Klarmachen zum Mitändern oder so.
Ein Gastbeitrag von Klaus Peukert, auch bekannt als gute Seele hinter Liquid Feedback. Der Text erschien ursprünglich in seinem Blog auf tarzun.de.
Lieber Tarzun,
ich weiß nicht mehr, wann ich für den BuVo kandidiert habe – es war wohl zufälligerweise wenige Tage nach Deinem Blogpost. Deswegen fühle ich mich jetzt nicht angesprochen von der einen oder anderen “Rant-Vokabel”, mit denen du in dem Text nicht sparsam umgehst, ist ja auch unter “Rant” abgelegt. Auch ich finde es mutig und ungewöhnlich von den Leuten, sich da mit den buntesten Lebensentwürfen und unterschiedlichsten Vorerfahrungen für die gerade wegen Bundestagswahl 2013 höchst verantwortungsvollen Jobs der BuVos zu bewerben. Aber das ist doch gerade das Revolutionäre an der Piratenpartei! Deswegen bin ich doch auch angetreten! Weil sie Menschen die Chance bietet, Politik zu machen, die auch wahrgenommen wird – ohne durch die “Ochsentour” der anderen Parteien menschlich zerschlissen, zynisch und desillusioniert werden zu müssen! Seien wir doch mal ehrlich: Politiker, die im Bundestag landen, haben Jahre des ellenbogen-gesteuerten Kampfes hinter sich! Sie sind über Leichen gegangen. Und haben deswegen ihre Ideale längst vergessen, bzw. zusammengestrichen um “mehrheitsfähig” zu sein! Deswegen treten doch auch bei uns die Leute ein: Weil die Piratenpartei die Möglichkeit bietet, mit den den eigenen politischen Ansichten fast forward im Parlament zu landen! Endlich gibt es die Möglichkeit, über LQFB Piraten-Abgeordneten die eigenen Ansichten, ok, nicht “in die Feder zu diktieren”, aber immerhin als Meinungsvorlage auf den Monitor zu schieben. Und diese “Abkürzung” in den Bundestag, die sich gerade Herbst 2011-Kandidaten wie ich ständig als Vorwurf an ihre scheinbar mangelhafte Integrität anhören müssen, ist doch eines der Sahnehäubchen der Piratenpartei, und bringt ihr Sympathien und Wählerstimmen ein. “Endlich normale Menschen”! Schaut Euch unsere 15 Piraten an: Wenn die seit ihrer Teenie-Zeit die Parteisoldatenschule durchlaufen hätten, würden sie anders reden, anders aussehen, anders rüberkommen und vor allem, besch*** “mehrheitsfähge Politik” machen, das Totschlag-Argument für alle Abgeordneten durch die Bank weg, immer wieder Militäreinsätzen zuzustimmen. Das gleiche höre ich leider aus Deinem, ok, “Rantblog” auch heraus: Watt für Freaks kandidieren denn hier, ihr seid doch gar keine richtigen Politiker! EBEN! Es sind normale Menschen wie ich und Du, die eine gehörige Portion Mut mitbringen und den Piraten beträchtliche Summen ihrer Lebenszeit vermachen wollen! Und das, finde ich, verdient einfach mal Respekt und keinen Rant. Außerdem sind es ganz schön wenige, die sich dem Personalpool da bisher zur Verfügung stellen. Finde ich. WTF, ich freu mich schon aufs kommende Piratenjahr, und wenn ihr mich nicht wählt, bringe ich mich weiterhin so ein wie bisher, das macht ja ohnehin mehr Spaß.